Es ist deutsch in Kaltland

Mir fehlen die Worte. Seit Wochen schon. Ach was, seit Monaten. Seit PEGIDA, HOGESA, den „besorgten Bürger*innen“.

Es ist kalt in diesem Land, in diesem Europa. Ein Europa, dass sich zusammen gefunden hat, damit dieser Flecken Land ein Stück dieser Welt ist, wo sich Menschen in Sicherheit vor Krieg und Zerstörung nieder lassen können. Wo sie vor Verfolgung sicher sind.

Und dann steht er da, der Deutsche, steht sie da, die Deutsche. Und wedelt mit den Armen und schreit was von Islamisierung. Und das nur die jungen Männer kommen. Die sollen für ihr Land kämpfen. Für ein Land, das Europa mit zerstört hat. Europa, das Waffen liefert (allen voran: Deutschland), das Diktatoren gestützt hat (mit dabei: Deutschland). Und wenn die Frauen mit ihren Kindern kommen, dann wird der Mythos von der deutschen Trümmerfrau bemüht. Was denn hier noch wäre, wären die Frauen mit ihren Kindern aus dem zerbombten Deutschland geflohen. Es wäre genauso wie jetzt auch, denn die Trümmerfrau ist einer der vielen deutschen Opfermythen.

Der Deutsche, die Deutsche, steht nun am Bahnhof und wedelt mit den Armen, um zu verteilen. Die edlen Spenden an die armen Wilden. Und auf Facebook steht dann ein Bild, wie sehr das getroffen und bestürzt hat. Während draussen der Mob durch die Straßen tobt und Wohnheime anzündet, unter Wasser setzt und skandiert, dass das Boot voll sei, denn es wären zu viele da und die armen deutschen Obdachlosen, die ihm sonst auch scheiß egal sind. Auf Facebook stellen sie sich dagegen, aber auf der Straße können und wollen sie keinen Schutz bieten. Das eignet sich nicht für Instagram.

Mein Freund Muhammad wollte irgendwann hier her kommen. Irgendwann wollte er nach Europa kommen und sich dafür bedanken, dass 2011 die Welt zugeschaut hat, mitgefiebert hat, als junge Menschen gegen die Diktaturen in ihren Ländern aufstanden. Er wird nicht erleben können, wie er hier angefeindet worden wäre, jetzt, wo es nur noch Bürgerkrieg und Zerstörung und Vernichtung ist. Er hatte nicht die Chance vor dem Tod zu fliehen, vor dem Hunger, der Vernichtung so wie die Meisten, die dieser Tage an der Mittelmeerküste ankommen, wenn Europa sie nicht vorher ersaufen lässt.

Und die Deutschen? Sie sind wie eh und je Kartoffeln, haben mal wieder aufs falsche Pferd gesetzt und sind nun empört, dass sie die Früchte ihres Handeln ernten. Die Geflüchteten, die haben wir mit zu verantworten. Aber dieser Verantwortung stellen? Nein. Der NSU durfte 10 Jahre mordend durch das Land ziehen. Kameradschaften gewinnen Raum, ganze Nazisippen erziehen ihre Kinder zum Hass. Uns ist das egal, es sind ja die netten Nachbarn, die die Tonne für einen raus stellen, wenn man im Urlaub ist. Aber die Menschen, die herkommen, die sind ein Problem. Auch wenn ich nicht verstehe, welches genau, denn wenn wir hinschauen, dann sehen wir doch nur, dass Deutschland ein Problem hat mit Menschen, die nicht deutsch sind, ordentlich umzugehen.

Die Lösung ist ein Zaun oder eine Mauer, so habe ich gelesen und ich versuche zu verstehen, wie ein Zaun oder eine Mauer den Menschen helfen soll. Ich verstehe es nicht. Wirklich. Dann denke ich kurz nach und dann fällt es mir wieder ein:

Es ist deutsch in Kaltland.

(Das Titelbild ist von maladove und findet sich unter CC BY NC ND auf flickr)

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