Und dann ist da was mit Deinem Blut…

Berlin. Charlottenburg. Ich sitze mit einer Freundin in einem Café bei einem späten Frühstück. „Oh, ich muss noch beim Arzt anrufen, wegen der Blutwerte“. Ich nehme mein Telefon und wähle die Nummer meines Hausarztes. Ich war die letzten Wochen dauernd krank und mein Arzt hat mal vorsorglich einen Test „auf alles“ gemacht.

„Herr Urbach, ja, die Ergebnisse sind da – alles gut. Ah, HIV fehlt noch. Naja, da rufen se inner Stunde nochmal an“.

Wir frühstücken weiter. Trinken Kaffee, lachen viel und haben uns viel zu erzählen. „Ich ruf gerade nochmal an“.

„Herr Urbach, das ist komisch, das ist immer noch nicht da. Rufen se nach der Mittagspause nochmal durch?“ – „Klar“.

Weiter erzählen, lachen, über gemeinsame Bekannte sprechen, austauschen.

„Herr Urbach, ich stell sie zum Herrn Doktor durch“. Mir rutscht das Herz in die Hose. „Herr Urbach, das Ergebnis ist da. Naja, was soll ich jetzt drumherum reden und sie herbestellen, sie können es sich ja schon denken“. In meinen Ohren fängt ein Rauschen an, die Stimme des Arztes am Telefon, mein Blut in den Adern, alles fällt zusammen.

[Schnitt]

Ich sitze in der Uniklinik Frankfurt. Das dreimonatliche Blutabnehmen steht an. Ich kenne den Weg. Vom Empfang geht es hinter zu Blutabnahme. Mechanisches Scherzen mit dem Pflegepersonal. Normalität herstellen.

Eine Woche später Besprechen der Ergebnisse. Blah, alles gut, Entzündungswerte, Helferzellen, blah. Es ist mir egal. In den Ohren rauscht es.

Ich fahre zur Arbeit.

[Schnitt]

Beliebiger Tag. 23:50. Ich versuche seit einer Stunde zu schlafen. Sobald ich die Augen schließe, sitze ich in dem Café, höre die Stimme meines Arztes. Weine. Weine mich in den Schlaf. Schlafen. Unruhig.

Aufwachen.

Der erste Griff ist zu der Flasche Wasser neben meinem Bett und der Dose Tabletten. Jeden Tag eine nehmen. Nicht vergessen. Sie hält mich am Leben. Macht, dass dieses Virus nicht so schnell gewinnen kann.

Manchmal habe ich Angst, dass ich von nun an etwas verpasse. Ich bin oft kränkelnd, möchte oft nicht aufstehen. Dabei geht es mir doch recht gut. Ich möchte das Virus nicht gewinnen lassen. Ich habe es Hubert getauft, damit ich es beschimpfen kann, wenn ich wieder nicht schlafen kann. Hubert ist der Feind in meinem Körper.

Hubert. Hubert, du machst mich nicht kaputt. Weisst du Hubert? Du willst mir mein Leben nehmen aber das kannst du nicht. Ich habe bereits genug für zwei Leben erlebt und ich nehme jetzt einfach mit was ich kann. Du kannst mich nicht dran hindern. Du bekommst mich nicht klein. Du kannst mir noch so oft versuchen den Boden unter den Füßen weg zu ziehen. Du kannst mir noch so oft eine in die Fresse geben. Du bekommst mich nicht klein.

Ab jetzt ist alles Bonus.