Wir müssen über Nachtmahr sprechen

Nachtmahr (Wikipedia) – das ist eine Band aus Österreich. Ihr Kopf ist Thomas Rainer, den manch ein Grufti auch noch als einer der beiden von L’Âme Immortelle (Wikipedia) oder von dem Projekt Siechtum (ndl. Wikipedia) kennen mag. Um die letzteren geht es aber gar nicht. Es geht hier um Nachtmahr.

Nachtmahr haben seit 2007 einige Platten bei der Trisol Music GmbH veröffentlicht, wo auch Szenegrößen wie ASP, Project Pitchfork, Sopor Aeternus, L’Âme Immortelle, Samsas Traum und andere veröffentlichen oder veröffentlicht haben. Die Scheiben haben so illustre Titel wie „Kunst ist Krieg“, „Feuer Frei!“ oder auch „Feindbild“. Die neueste Scheibe hat den wundervollen Titel „Kampfbereit“. Der Werbetext der Plattenfirma dazu:

nachtmahrfeindbildEs ist wahr. Geschichte wird von Siegern geschrieben. Hinter diesem Satz verbirgt sich jedoch mehr, als das Auge sieht. Mit Vorliebe wird von Triumphen berichtet, werden Helden für ihre glorreichen Siege besungen. Der Gegenwind in Orkanstärke, der eiserne Wille, der dafür nötig ist, die bereitwillige Selbstaufgabe und Kampfbereitschaft hingegen, die findet sich höchstens als Randnotiz in den Geschichtsbüchern wieder. In der Kunst ist das nicht anders.

Kaum einer weiß das besser als Thomas Rainer. Er ist einer dieser Künstler, die schon immer ihren eigenen Weg gegangen sind. Die Trends begründet haben, anstatt ihnen blind zu folgen. Leicht war das nicht. Narben, Wunden, Enttäuschungen sind einem wie ihm nicht fremd. Und doch steht er heute als Sieger da.

Sie können mich nicht kontrollieren – und das macht ihnen Angst
Nachtmahr ist zurück – und ganz Europa tanzt

Schon letztes Jahr habe ich mich furchtbar über dieses Projekt aufgeregt – die Band selbst hat sich vermutlich nur darüber gefreut. Aber was ist denn sonst so das Problem? Ganz einfach: Es ist faschistisch. Armbinden mit dem Bandlogo (Armbinden haben eine gute Tradition, wie wir wissen). Konzertlocations sind „Theatres of War“ und überhaupt ist die Sprache faschistisch/militaristisch.

Der Vorwurf, den ich hier Nachtmahr mache, ist nicht der erste (siehe diese Fußnote in einem Interview auf Metalblast) und damit konfrontiert kommt er mir „Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden“ (selbes Interview).

Rainer sieht sich selbst als unpolitischer Künstler, denn Politik findet nur privat statt.

“The more flack you get, the more successful you are in a way. There’s people who don’t want you where you are, because you’re not sticking to their rules they made. Industrial being focused on punk is about breaking the rules and widening boundaries. […] I’m not a political person as an artist. I think politics [should] have nothing to do with music. Politics are something everyone has to do in private.“ (aus „Don’t be a dick„)

Ich halte Nachtmahr für Faschistisch. Rainer hat ein militaristisches, faschistisches Weltbild und glaubt sich hinter der Kunstfreiheit und freien Rede verstecken zu können. Das schlimme ist, dass er mit diesem Kunstbegriff durchkommt, Veranstalter*innen weltweit buchen Nachtmahr und Menschen besuchen die Konzerte und Festivals. WGT, Amphi-Festival, Dark Dance Treffen, Mera Luna und viele andere – und das seit mehren Jahren.

Selbst andere Bands üben Kritik an Nachtmahr und opfern sogar Bühnenzeit, um darauf hinzuweisen (Beispiel der Band Ad-ver-sary, die mit Combichrist (sexistische Kackscheiße) und Nachtmahr spielten):

Ich sag es es mal ganz klar: Schau wo Nachtmahr spielen, schreibt Veranstalter*innen an, macht Demos vor den Locations, erklärt anderen Bands, mit wem sie sich eine Bühne teilen, wenn sie wieder auf dem selben Festival spielen. Klärt Besucher*innen auf, was sie tun, wenn sie die Show besuchen und zu der Musik feiern – vielen ist das nicht klar.

Den Faschisten keine Bühne geben.

Material über Nachmahr findet ihr zuhauf im Netz – gerade ihre Visualisierung und die Texte sprechen für sich. Ihr findet den Rotz auf nachtmahr.at.

 

Nachtrag: Mir ist bewusst, dass nicht nur ich Nachtmahr kritisch betrachte. Es gibt schon die ersten Musikmagazine, die sich weigern, über das Projekt zu berichten. Das finde ich gut.

[UPDATE nach diversen Fragen/Vorwürfen auf Facebook und diversen anderen Kanälen]:

Guten Tag. Ich kam nicht vorher dazu, zu reagieren, da ich in Terminen saß. Ich gehe auf ein paar Punkte ein, die ihr mir vorwerft:

1. „Aufmerksamkeitsheischerei“ – die einzigen, die mir Aufmerksamkeit schenken, seid ihr. Ihr sorgt für die Verbreitung.

2. „Gutmensch“ – politischer Kampfbegriff der politischen Rechten. Ich könnte schon hier „I rest my case“ sagen. (vgl. Jury zum Unwort des Jahres 2015 und sprachlog.de zu Selbigen)

3. Kunstfreiheit ist ein hohes Gut. Ich bin sehr für Kunstfreiheit. Aber trotzdem muss sich Kunst rechtfertigen. Kunst ist immer politisch. Künstler*innen können das verleugnen, aber selbst das ist schon eine politische Aussage. Sollte(!) ich die Kunst nicht verstehen, ist das das Problem des Senders, nicht des Empfängers (vgl. Marshall McLuhan „Understanding Media“ u. „The media is the message“). „Das Politische ist Privat“ – Nein, ist es nicht.

4. Armbinden: Es ist eine Sache, eine Armbinde zu tragen. Ja, ganz viele tun dies. Ordner bei Demos und Konzerten, Sanitätspersonal und auch andere. Es ist aber auch eine Frage der Ästhetik, die verwendet wird. Die von NACHTMAHR verwendete ÄSTEHTIK ist die des Faschismus.

5. „Laibach machen das ja auch“. Stimmt. Laibach haben ihr Werk im Rahmen der NSK schon immer mit faschistischer Ästhetik ausgestattet und diese Ästhetik beschmutzt und ad absurdum gezogen, künstlerische Arbeit geliefert, die den Faschismus verspottet und insgesamt klare Kante gegen den Faschismus gezeigt. Dies tut NACHTMAHR nicht.

6. DU TRÄGST JA EIN DIN [A] TOD SHIRT!!!!1!11einself Jep. Tu ich. DIN [A] TOD stehen mit Werk und Aussage gegen den Faschismus. Sie betreiben eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema, mit Symbolik, spielen so weit damit, dass sie zerbrechen.

7. „Freiheit ist auch immer die Freiheit des anders denkenden“ – wenig wird öfter zitiert. Ich zitiere aus der ZEIT (weil ich gerade zu faul bin, das selbst zu schreiben): „Offensichtlich wollen die ZitiererInnen damit unterstreichen, das diese Frau doch sehr tolerant gewesen sei und man sich doch heute, bitte schön – an Ihrer Toleranz eine Scheibe abschneiden soll. Doch hier irrt die Nachwelt, denn Rosa Luxemburg meine mit diesen „Andersdenkenden“, in keinem Fall etwa Menschen, die in nichtkommunistischen Klischees dachten, sondern sie meinte damit primär die „Abweichler von der kommunistischen Linie“, die im engen Rahmen einer „kommunistischen Demokratie“ wieder auf den „rechten Weg kommunistischer Denkart“ geführt werden sollten.“.
Das gesamte Zitat lautet wie folgt: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit‘ zum Privilegium wird.“ Sie blieb unbeugsame Kommunsistin mit aller Gewalt, die damit einhergeht: „Der Sozialismus … hat … zur Voraussetzung eine Reihe von Gewaltmaßnahmen – gegen Eigentum … Wer sich dem Sturmwagen der sozialistischen Revolution entgegenstellt, wird mit zertrümmerten Gliedern am Boden liegenbleiben.“
Man kann das Zitat nicht aus dem Kontext nehmen.

8. „Ich bin nicht rechts und mag doch die Musik von NACHTMAHR“ – das kannst du ja tun. Deswegen halte ich dich auch nicht für rechts. Es ist dein gutes Recht, gut zu finden, was DIR zusagt. Ich muss das aber wiederum nicht gut finden. Aber du produzierst ja auch nicht die Ästhetik und Inhalte von NACHTMAHR. Du reproduzierst sie maximal (und das ist eine andere Baustelle).

9. Kontext, Kontext, Kontext: NACHTMAHR liefert für Optik und Habitus keinerlei kritischen Kontext. So lange der nicht erbracht ist, bleibe ich bei meiner Aussage. Und so lange ihr nur auf der persönlichen Ebene bleibt, kommen wir da auch nicht weiter.

8 Gedanken zu “Wir müssen über Nachtmahr sprechen

  1. Nutzt Nachtmahr Sprache und Optik wie sie fragwürdige Gestalten vor 70-80 Jahren genutzt haben? Klar, eindeutiger geht’s nicht.
    Nutzt er das um vereinfacht gesagt „Marketing“ zu betreiben? Höchstwahrscheinlich.
    Ist er faschistisch? Weiss nicht.

    Provokation ist oft Teil der Kunst und diverse Bands oder Künstler nutzen ähnliche sprachliche oder optische Elemente. Laibach, Rammstein, bis hin zum Künstler Jonathan Meese der mit echten Hakenkreuzen und Hitlergruß auftritt. Dazu muss man nicht unbedingt gedanklichen Zugang haben, aber faschistisch ist das nicht alleine durch diese Provokationen.
    Die Musik liegt mir nicht so, deshalb habe ich mir jetzt keine Videos angeschaut. Aber die Website hat diverse Lyrics. Ja, da finden Blut, Fahnen, Kampf, , Brand, Krieg . Und sogar Volk und Vaterland im Text von „Die Fahnen unserer Väter“! *panischrumfuchtel*
    Der Beweis faschistischen Gedankengutes bleibt aber offen. Meist scheint es um persönliches Leid zu gehen und nicht um Führerideologien oder ein sexistisches Frauenbild.

    Meine Diagnose daher vorerst: Typischer Fall von nicht sehr gut umgesetzter, aufmerksamkeitsheischender und dabei eher langweiliger Provokation. Gähn.

  2. Militarismus ja Faschismus??? eher nicht.
    Faschistische Symbolik ist auch nicht zu finden denn der Doppeladler ist alles andere als Faschistisch.
    Was die Sprache angeht bitte ich um genaue Textreferenzen und Erklärungen warum die als Faschistisch angesehen werden.

      1. Ja du hast recht… Armbinden kennzeichnen sofort jeden als Faschisten,(Neo) Nazi oder irgendwas in die Richtung.

        Aber warte mal… Manschaftskapitäne, Ordner/Sicherheitskräfte, Militärpolizei (US MP / Feldjäger), Sanitäter (oftmals im Militärdienst) und so weiter.

        Armbinden werden oftmals von wichtigen Personen oder Anführern getragen um diese einfach zu identifizieren zu können.

  3. Also wenn man jetzt anhand von Armbinden und Uniformen Nazis identifizieren kann…..dann wären auch ein Großteil bekannter J-Rock Bands rechts….. Dann kannste auch gleich weitermachen bei Cosplayern…..und und und….
    Für mich ist das alles eine unglückliche Konstellation.
    Für mich denkst du da echt nen bisschen zu verbissen und engstirnig. Es klingt wie ne verfestigte Meinung von der du auch nicht abweichen würdest wenn du dich damit besser befassen würdest und das Gegenteil feststellen würdest. Wahrscheinlich haste noch nie nen richtigen Nazi getroffen.
    Ich selber hab die Erfahrung leider schon öfter machen müssen und weiß genau wovon ich rede.
    Wie auch immer….reininterpretieren kann sowieso jeder immer was er gerade hören möchte…. Aber für solche Menschem wär ich dann wahrscheinlich auch n Nazi weil ich gern Uniformen trage

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