Alte Wunden heilen

1996. Ich lebe auf dem Land und will seit Jahren sagen, dass ich Männer toll finde. In diesem Jahr sage ich es. Ich bin 15 und allein. Klar, man hat nix gegen Schwule – es ist halt nur so ein Schimpfwort auf dem Schulhof. „Schwule sind etwas schlechtes“ ist das, was bei mir ankommt. Da ich schwul bin, bin ich also etwas Schlechtes.

In der Schule bekamen wir nur die Information, dass es Homosexualität gibt, dass heute keiner mehr dafür ins Gefängnis geht und dass man Schwule nicht dis- kriminiert. Über Lesben, Trans* und Inter-Menschen haben wir damals nichts erfahren. So richtig habe ich noch nicht verstanden, was „schwul“, was „queer“ bedeutet. LGBTQI* sagt mir noch nichts. Die Regenbogenfahnen kenne ich nur als „Friedensfahne“

Zu meinem Glück gibt es das Internet

Zu meinem Glück habe ich über das Internet Zugang zu Newsgroups und Foren gefunden und konnte dort versuchen, neben einem Haufen Unfug, etwas über mich herauszufinden. Mit Erwachsenen konnte und wollte ich nicht darüber reden. In der Bibliothek gab es zwar entsprechende Bücher, aber ich wollte nicht, dass jemand erfährt, dass ich solche Bücher ausleihe. Und die Bibliothekarin bei uns war ebenso geschwät- zig wie mein Arzt. Auf dem Land gab es für mich außerhalb meines Zimmers keine Privatsphäre. Es gab nur Ablehnung, Häme, „das ist eine Phase“ und Freunde, die sich mit einem plötzlich nicht mehr treffen wollen.

Schwule waren dann okay, wenn sie nicht in der Nachbarschaft wohnten und man nicht direkt mit ihnen zu tun hatte. Immer mit ausreichender Distanz und „Sicherheitsabstand“. Es war ätzend, denn ich wollte nicht auf Distanz gehalten werden, nur weil ich anders bin. Manchmal sah ich im Fernsehen die Berichte über den CSD in Frankfurt. Frankfurt, eine Stunde entfernt, aber für mich unerreichbar. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass der auch für mich ist, denn dort waren die „anderen Schwulen“. Die immer gleichen Fernsehbilder, der schrillen, freizügigen und tuntigen Schwulen und die Reaktionen und Kommen- tare meines Umfelds, verunsicherten mich. Was dort zu sehen war, was dazu gesagt wurde, war ganz anders als ich mich wahrnahm. „Und außerdem sind das alles Pädophile“, hörte ich einmal.

Und wenn ich kurz Mut fasste, mir überlegte, ob das doch auch eine Veranstaltung für Menschen wie mich ist – was wäre, wenn mich dort jemand gesehen hätte?! Nein, das war keine Option.

Nach meiner HIV Infektion brach meine Welt zu- sammen. Ich wusste nicht mehr wo oben oder unten ist und zwei Jahre lang wusste ich noch weniger als vorher wer ich eigentlich bin. Mir half der Rückhalt durch meine jetzigen Freund*innen wieder den Boden unter den Füßen zu spüren. So einen Rückhalt hätte ich 1996 ebenfalls gebraucht.

Wir sind wie wir sind

Inzwischen hat sich vieles geändert. Ich habe mich verändert. 2018 war ich auf dem Berliner CSD, wie vorher schon auf vielen anderen CSDs. Schon immer war ich nur für das abstrakte politische und natürlich für die Solidarität mit anderen da. Aber 2018 lief ich bei der Demo mit – im Lederharness und Jock. Ich war gerade in einer Phase, in der ich mich sexuell neu fand, ausprobierte, Fetische und Kinks erkundete und mich selbst lieben lernte. Es war eine große, geile Party und ich traf eine Menge alte Bekannte und Freundi*nnen und lernte neue Menschen kennen. Den Rest des Abends lies ich mich über den CSD treiben. Und plötzlich verstand ich es. Plötzlich wusste ich, für was der CSD da ist- sein soll, MUSS! Der CSD ist die ultimative Demonstration unserer selbst. Wir sind da! Wir sind verschieden! Wir haben ein paar Kilometer Stadt für uns und unterliegen ausnahmsweise, ganz kurz nicht den Regeln dieser cis-heteronormativen Mehrheitsgesellschaft. Hier sind wir, die Schwulen, die Bisexuellen, die Lesben, cis, trans- und intersexuelle Menschen, aromantisch, asexuell oder hypersexuell, mit und ohne Fetische, HIV positiv oder nicht. Hier sind wir alle aus den Buchstaben LGBTQI* und noch vielen Buchstaben mehr. Eine große, bunte, vielfältige, individuelle und doch solidarische Community. Das ist es, was für mich den CSD ausmacht: Die Menschen auf der Straße zu sehen, mit ihnen zu demonstrieren, zu feiern und zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Niemand von uns ist das.

Dieses Jahr gehe ich wieder auf den CSD. Ich gehe für mich, damit alte Wunden heilen können. Ich gehe aber auch für die, die wie ich früher nicht offen sagen können, wie sie lieben, begehren und welche Identi- tät sie haben. Ich laufe mit und bin sichtbar, um zu zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Wir sind wie wir sind und wir sind gut so wie wir sind. Wir sind viele und wir gehen nicht weg. Und: wir lassen uns unser Recht auf Selbstbestim- mung von niemandem einschränken oder nehmen!


Den Text habe ich ursprünglich für den CSD Frankfurt/Main (2019) Stand von HESSEN IST GEIL! (auch auf Facebook und Twitter), einem Projekt der AIDS-Hilfe Hessen e.V. geschrieben. Ein Bild vom Stand mit nicht nur meinem Text gibt es hier auf Twitter.

Danke für die Aufmerksamkeit. Paypal-Kaffeekasse wie immer hier, andere Möglichkeiten da.

Header: Photo by Sharon McCutcheon from Pexels
Das Bild von mir hat @DudeMinds gemacht.

1 comment
  1. […] Urbach von Tomate.su hat einen sehr berührenden und ehrlichen Beitrag mit dem Titel Alte Wunden heilen über den CSD geschrieben. Er ist einfach so, so wichtig und so eine schöne […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.