Bitte zwingt nicht die Messenger sich allen anderen zu öffnen

Die Bundesjustizministerin fordert auf Zeit Online, dass sich What’s App anderen Diensten öffnen solle. Das klingt erst einmal total super, denn wer ist nicht davon genervt, mehrere Messenger installiert zu haben und dann  noch jedes Mal zu überlegen, wer der Kontakte welchen Messenger nutzt. Ich bin davon übrigens sehr genervt, dass ich immer überlegen muss: Threema? Signal? Telegram? iMessage? What’s App? Facebook Messenger? Am Ende rufe ich dann doch an weil das schneller ist, als heraus zu finden, welche Plattform die Person nutzt. Es wäre da ja doch ganz geil, wenn ich einfach meine Kontakte öffne und im Messenger meiner Wahl eine Nachricht sende. Eigentlich.

Es geht um mehr als meine Bequemlichkeit

1. Anbieter, mit denen ich keinen Vertrag eingegangen bin, weil ich das nicht möchte, bekommen meine Telefonnummer oder halt den anderen Identifier, auf den sich alle einigen müssen. Die einen nutzen Emailadressen, andere lustige Kodierungen, andere wiederum die Telefonnummer oder vergeben Nutzernamen oder Zahlenkombinationen (Hallo ICQ!). welcher darf es denn jetzt sein? Oder sollen die alle zusammen geführt werden? Das würde ich wiederum so gar nicht wollen. Ich habe Gründe (die niemanden etwas angehen), verschiedene Identifier zu nutzen.
2. Was sind eigentlich Messenger? Zählen so anachronistische Dinge wie IRC (Wikipedia) auch dazu? Die selbst betrieben XMPP-Server (Wikipedia)? Oder soll es der Vorschlag nur What’s App treffen, um es Facebook, Inc. mal so richtig zu zeigen und da hat jemand™ nicht weiter nachgedacht? So wirkt der Vorschlag auf mich. (Versteht mich nicht falsch, ich bin sehr dafür, Facebook, Inc. zu regulieren, ich halte diesen Vorschlag aber für den falschen Ansatz.)
3. Denkt irgendjemand eigentlich an die andere Seite der Kommunikation? Ich wähle doch einen Messenger aus bestimmten Gründen aus: Entweder, weil ich den Anbieter besser finde, oder die Features (Sticker!) mag oder es eine tolle Desktop-App gibt oder oder oder. Wenn ich nicht über What’s App erreichbar bin, hat das doch einen Grund: Ich habe kein Konto dort (Ich nutze What’s app übrigens ohne hochgeladene Telefonbuch, was es total unbrauchbar macht aber die Menschen von der Hundewiese…). Ich habe bei andern Diensten kein Konto, weil ich den Betreibern nicht zutraue, mit meinen Nachrichten ordentlich umzugehen. Nun würde aber durch diese Öffnung meine Nachrichten auch bei Betreibern landen, wo ich sie gar nicht wissen will. Und wenn nun der Anbieter meiner Gesprächpartner*innen eine Sicherheitslücke hat, die ausgenutzt wurde habe ich trotzdem das nachsehen, obwohl ich mich ja sogar bewusst gegen diesen Messenger entscheiden hatte (vom Drama mit den Vertragsverhältnissen will ich gar nicht erst anfangen).
4. Unterschiedliche Featuresets verschiedener Anbieter. Wenn jeder Messenger jede Nachricht zustellen können muss, muss auch jeder Messenger jede Art Nachricht unterstützen: Audio, Video, Bilder, Sticker und was den Leuten sonst noch so einfällt. Einige Anbieter müssten stark nachrüsten, um alle Features zu erfüllen. Wenn es eine Beschränkung auf „Nur Text“ gibt können wir uns schon auf Dialoge freuen, die darum bitten, das Bild/Video/den Sticker per Email zu senden, weil mein Messenger kann das leider nicht anzeigen. Dann wird uns die andere Person bitten, doch den gleichen Messenger wie sie zu verwenden (ist doch egal, welchen du nimmst, es kommt ja alles überall an), damit das mit dem Anzeigen von $Lieblingsfeature einfacher wird.

Am Ende haben nur die Großen gewonnen

Der Vorstoß der Justizministerin ist von der Idee her gut und aus dem ersten Reflex werden dem viele zustimmen. Ich finde beim genaueren Hinsehen wird klar, dass dieser Vorstoß wiederum nur denen zu Gute kommt, die eh die personellen und finanziellen Ressourcen haben, ihre Messenger zu erweitern – und zwar nach Vorgabe der Großen Anbieter, denn die werden immer auf ihre Nutzerbasis verweisen und man könne da ja jetzt nicht 100 Millionen Menschen auf einen neuen Identifier umstellen…

Am Ende werden die Messenger nicht mehr sondern weniger. Es wird weniger konkurrierende Produkte geben und am Ende haben wir dann doch keine Wahl.

Titelbild: Screenshot von Zeit Online

Dieser Eintrag ist koffeinbetrieben (Cola, kalt). meine Kaffeekasse ist akut eine Colakasse und ich freue mich immer über Unterstützung durch Euch.

2 comments
  1. Hallo Stephan,

    ich habe ein paar Kommentare zu Deinem Post, der für mich leider viel zu negativ ausgefallen ist.

    Zu Punkt 1:

    „Anbieter, mit denen ich keinen Vertrag eingegangen bin, weil ich das nicht möchte, bekommen meine Telefonnummer oder halt den anderen Identifier, auf den sich alle einigen müssen“

    Es ist nicht zwangsläufig so, dass Deine Telefonnummer an andere Anbieter übermittelt wird. Nehmen wir zum Beispiel mal an, Du bist bei Threema und Dein Gegenüber bei Whatsapp. Nun öffnet sich Whatsapp und Dein Gegenüber schickt Dir seine ID (wie immer die auch aussieht). Du verbindest Dich dann mit einer anderen ID (wie immer die auch aussieht, das muss nicht Deine
    Telefonnummer sein) und Ihr könnt chatten. Das ist eine Frage der Implementierung. Hier gleich zu Anfang eine miese Implementierung zu unterstellen, halte ich für übertrieben.

    Zu Punkt 2:

    Hier weiß ich nicht, was Du überhaupt sagen willst. IRC und selbst betriebene XMPP-Server sind doch ohnehin schon offen und mit vielen Clients benutzbar.

    Zu Punkt 3:

    „Nun würde aber durch diese Öffnung meine Nachrichten auch bei Betreibern landen, wo ich sie gar nicht wissen will.“

    Das ist so nicht gesagt, denn Du musst Dich ja nicht mit Person X verbinden, die bei Whatsapp ist. So wie Du es ja vorher auch nicht gemacht hast.

    Zu Punkt 4:

    Hier sehe ich nicht, dass so ein Szenario überhaupt kommen wird. Deshalb kann ich der Behauptung „Am Ende haben nur die Großen gewonnen“ nicht teilen. Niemand wird IRC-Betreiber zwingen, alle möglichen Daten übertragen zu müssen.

    P.S.: Dein Datenschutz-Häkchen funktioniert bei mir nicht mit Chrome.

    1. Hallo Käsey (bitte nenn mich nie wieder Stephan),

      Zu Punkt 1: Das mag so sein, dann ist dein Punkt 3 aber nicht mehr valide, weil ich das ja dann unter Umständen gar nicht weiß. Wenn eine einfache Interoperabilität herrschen soll, muss es einen Identifier geben und nicht mehrere – denn mehrere gehen zur Lasten der Usability und die soll ja gerade damit besser werden. Oder willst du dann erstmal durch 3 Seiten Messengernamen scrollen, um dann zu finden, wo du meine ID eintippen musst?
      Zu Punkt 2: Ja sind sie, aber dann muss ja jetzt nach dem Vorschlag What’s App und mein XMPP Server auch miteinander sprechen. Ich hätt‘ ja als großer Betreiber wenig Lust da jeden XMPP Server mit ran zu lassen. Oder irgendwelchen IRC Server.
      XMPP Transport sind doch auch „nur“ Übersetzer von Protokoll A in B – meine ID des anderen Messengers muss ich trotzdem vorher haben. Das änder also Nichts daran, dass Menschen sich überall IDs klicken müssen.
      Punkt 3: Siehe Punkt 1.
      Punkt 4: Ich sehe das halt genau so. Bei solchen Vorschlägen haben in den letzten Jahren immer die großen Anbieter gewonnen, nie die Kleinen. Davon auszugehen, dass so ein Vorschlag kleinen Anbietern nicht Pflcihten auferlegen wird, die sie nur schwer erfüllen können hat die letzetn 10 Jahre Regulierung von Technologie nicht mitbekommen.

      P.S. dann file ich mal einen Bug.

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