Das Humane Immundefizienz-Virus und Du

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=TtYQUNi3zuI

 

HIV. Landläufig AIDS genannt, was erst einmal falsch ist. AIDS bekommst Du erst, wenn Du Dich mit HIV infiziert hast und Du keine Therapie macht. Stop. Ich muss das gar nicht alles erzählen, denn ze.tt hat das bereits sehr gut getan. Ich wäre froh gewesen, wenn es zu der Zeit zu der ich mich infizierte solche Videos in dieser einfachen Zugänglichkeit gegeben hätte, denn viele Fragen, die ich hatte sind mir durchaus erst nach dem Gespräch mit meinem damaligen Arzt eingefallen. Eine der wichtigsten Botschaften des Videos ist „Du musst mit einer HIV Infektion nicht zwangsläufig sterben“. Das ist vielen gar nicht so klar, wie es vielleicht nach Anschauen des videos klingen mag. Ich wusste auch nicht, wie gut die Medikamente schon seit einigen Jahren sind. Zur Verdeutlichung: Für den Wirkstoff in Truvada (Tenofovirdisoproxil) ist das Patent abgelaufen. Das hatte ich auch bekommen, aber aufgrund der Nebenwirkungen, die ich hatte wechselte ich auf Genvoya das auch Tenofovirdisoproxil enthält aber in der Kombination andere Wirkstoffe beinhaltet. Die schlimmste Nebenwirkung vom Genvoya ist bei mir, dass ich manchmal einen sehr trockenen Mund bekomme. Details darüber, wie die HIV-Medikamente wirken gibt es natürlich in der Wikipedia.

Angefasst, schwupp AIDS

Das HIV so schnell nicht übertragen werden kann wusste ich schon vorher. Anscheinend wissen/wussten das aber viele andere Menschen da draußen nicht. Einige Interaktionen erinnern mich in einer schlechten Art und Weise an den Film Philadelphia (Wikipedia) mit Tom Hanks. Menschen desinfizieren sich die Hände, nachdem sie erfahren haben, dass der Hauptcharakter HIV positiv ist. Man möchte meinen, 2018 wäre die Welt ein wenig weiter. Zwischen dem Film und heute liegen 25 Jahre und ich darf vermelden: Nein. Die Welt ist nicht weiter. Ich habe vieles erlebt und gehört: Berührung würde reichen. Speichel wäre auch mindestens tödlich. Das ist natürlich Unfug. Über die Übertragungswege gibt es hier eine gute Zusammenfassung der AIDS-Hilfe.  Dort steht es: Es gibt sehr wenige Möglichkeiten sich mit HIV zu infizieren und auch nicht jeder ungeschützte Geschlechtsverkehr führt direkt zu einer Infektion.  Und Sex mit Menschen, die ihren HIV Status kennen und ihre Medikamente nimmt?

Um es ganz klar zu sagen: Mit einer Person ungeschützten Sex zu haben, die ihren HIV Status kennt, eine Therapie macht und deren Viruslast unter der Nachweisgrenze birgt keinerlei Gefahr sich anzustecken. Das nennt man „Schutz durch Therapie“. Mehr darüber könnt ihr bei „Ich weiß was ich tu“ nachlesen. Wer dann noch Kondome nutzt ist doppelt abgesichert. Für Menschen, die mit einem HIV positiven Menschen zusammen sind und auf Nummer sicher gehen möchten  gibt es auch noch die Prä-Expositions-Prophylaxe (kurz PrEP). Natürlich funktioniert sie genauso gut für Menschen, die häufig mit wechselnden Partnern Sex haben und es empfiehlt sich gerade für Angehörige der „Risikogruppe“, darüber nachzudenken. Die Risikogruppe besteht einerseits aus Männern, die Sex mit Männern haben und Sexarbeiter*innen, dabei vor allem migrantische Personen und Transmenschen.

Über die Wirkweise der PrEP gibt es hier mehr. Für die PrEP ist in Europa bislang nur Truvada zugelassen, für weitere Medikamente laufen die Studien bereits. Für Lesefaule: Nach 21 Tagen Einnahme des Medikaments kann sich die Person, die das Medikament einnimmt nicht mit HIV anstecken. Das sind wirklich gute Nachrichten. Leider zahlen die Kassen die PrEP noch nicht. Das erste Truvada-Generikum ist mit knapp 50 EUR auch nicht ganz billig, aber sehr viel günstiger als das Original-Präparat, dass in der 90 Tage Packung knapp 1640 EUR kostet. Auch darüber gibt es mehr Informationen.

Es wäre schön, wenn Sie sich eine andere Praxis suchen

Nachdem nun klar ist, dass sich niemand mehr so schnell mit HIV anstecken muss, bleibt natürlich die Frage, warum dann HIV immer noch so ein Problem ist. Selbst langjährige Ärzt*innen haben teilweise eine diffuse Angst vor HIV/AIDS und versuchen vieles, um positive Patient*innen nicht behandeln zu müssen. In diesem Artikel aus 2015 lässt sich das gesamte Drama ablesen. Es fühlt sich direkt wieder wie „Philadelphia“ an. Ich halte es ja für einen Skandal, wenn Ärzt*innen wie in dem Artikel beschrieben mit Patienten*innen umgehen und es betrübt mich zu vermelden, dass ich das sowohl erlebte als auch mehre positive Menschen kenne, denen Ähnliches passiert ist. Es ist keine Ausnahme, wegen HIV diskriminiert zu werden.

AIDS wird mittlerweile (wie lange weiß ich nicht) auch als Adjektiv verwendet. „Das ist voll AIDS“ als Umschreibung für das Schlimmste vom Schlimmen. Eine kurze Twittersuche nach „AIDS“ Wort offenbart den Abgrund, in dem es sich die Vorurteile zu HIV/AIDS gemütlich gemacht haben. Es wird Menschen an den Hals gewünscht (aber vermutlich nur, weil die Schreibenden nicht wissen, dass Menschen mit HIV an Altersschwäche sterben werden. Oder irgendwas anderem) und menschen angedichtet, damit sich andere von dieser Person fern halten.

Selbst schuld, wenn du ohne Gummi vögelst

Die Vorurteile und die Stigmatisierung ist schlimm genug, aber da Menschen Menschen sind reicht das natürlich nicht aus. Ganz wichtig sind noch Vorwürfe, dass die positive Person ja selbst schuld ist, wenn sie ohne Kondom Sex hat. Oder mit zu vielen Menschen Sex hat. Oder mit Menschen Sex hat, die mit anderen Menschen Sex haben. Das ist übrigens nicht hilfreich – für niemanden. Ein Punkt ist, dass diese Vorwürfe gleichzeitig auch versuchen, eine Moral zu etablieren, die auf „Habe außerhalb einer festen Beziehung keinen Sex“ abzielt. Würde ich nur brav mit Frauen Sex haben – am besten nur in einer in der Ehe – wäre das nicht passiert. Ich kann hierbei ausdrücklich nur aus meiner Perspektive berichten, ich selbst kenne nur weiße cis-Männer (homo- und bisexuell), die HIV haben.

Ein weitere Punkt bei diesen Vorwürfen ist der Versuch der vortragenden Person, sich erhaben zu fühlen. „Ich würde nie ohne Kondom mit jemanden schlafen“ ist auch nur Code für „Meine Moral ist besser als Deine Moral denn schau her: Ich habe keine AIDS“. Auch wenn es so nicht gemeint ist: Das ist es, was zumindest bei mir ankommt. Die „Schwulenpest“, ein Begriff aus der Zeit, als HIV noch nicht erforscht war (Wiktionary), ist nun mal verdorben und falsch. Die Diskriminierung HIV Positiver geht Hand in Hand mit der Diskriminierung homosexueller und bisexueller Menschen, Sexarbeiter*innen und Transmenschen.

OK, cool. Können wir jetzt ein Eis essen?

Falls nach der Lektüre dieser Zeilen noch die Frage offen ist, wie man denn am besten mit HIV Positiven umgeht; die Antwort ist sehr einfach: Wie mit allen anderen Menschen auch. Ihr könnt sie anfassen und sie umarmen, ihr könnt sie küssen und auch Sex mit ihnen haben. Ihr müsst das nicht tun. Ihr könnt sie auch ablehnen, weil sie blöde Pansen sind. Ihr könnt sie ablehnen, weil sie die AfD wählen oder andere Menschen schlecht behandeln. Ihr könnt sie wie alle anderen behandeln die ihr liebt, hasst oder euch egal sind. Hauptsache, die Art wie ihr sie behandelt hat nicht mit der Infektion zu tun.

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3 comments
  1. Hallo Stephan,

    danke für den Artikel, auch als nicht betroffener Mensch interessant und als Mensch der sich mit im Rahmen seinem Leben mit Virologie und dadurch auch mit HIV beschäftigt hat erschreckend zu lesen.

    Ich finde es erschreckend, dass das Thema immer noch so stark tabuisiert ist. Vor einiger Zeit (als ich im dem Gebiet noch tätig war) hatten wir mal die Diskussion, warum die Zahl der neu diagnostizierten Menschen (nicht zwingend der Neuinfektionen) steigt. Dabei kam die Frage auf, ob es mit den besseren Therapiemöglichkeiten zu tun hat. Man schluckt dann halt ein Leben lang Tabletten, stirbt nicht dran und kann auch keinen anstecken, „geheilt“ ist man aber nie – wie bei einer nicht infektiösen chronischen Krankheit. Aus deiner Erfahrung heraus: Kann das ein Grund sein? Persönlich halte ich eher das Tabu und die damit verbundene Unwissenheit für ein Problem. (Und na klar spielen besser Diagnosemöglichkeiten auch ein Rolle.)

    Aus weiterem Interesse: Wird inzwischen T-Zell Therapie (expandieren HIV-Subtyp spezifischer T-Zellen in vitro mit anschließendem Tansfer in den Patienten) breiter eingesetzt? Und setzt du Hoffnung und CRISPR & Co. für eine vollständige Heilung? Weil ohne Medikamente ist halt doch angenehmer.

    1. Hallo martin,

      Ich habe diverse Vermutungen, warum die zahl der neu diagnostizierten Menschen steigt, habe dafür aber keine belastbaren Zahlen und möchte mich nicht in Vermutungen ergehen. Auch zur T-Zell Therapie kann ich Nichts sagen, zumal ich nicht wusste, dass es die auch für HIV gibt? Ich kenne sie nur in Zusammenhang mit Krebstherapie. (Für Mitlesende – hier alles dazu in der Wikipedia)

      Ich glaube, die vollständige Heilung mittels z.B. CRISP (auch hier: Wikipedia) werde ich nicht mehr erleben, weil ich vorher an Altersschwäche, einen albernen Unfall oder einem Herzinfarkt nicht mehr bin. Ich glaube aber auch, dass das der richtige Ansatz ist. natürlich haben da wiederum andere Menschen Angst vor, denn es ist nun mal ein Eingriff in die DNA.

      Your Windows Licenses at work: Bill Gates hat mit seiner Frau von seinen Microsoft Milliarden die Bill und Melinda Gates Foundation gegründet, die unter anderem HIV-Bekämpfung als Schwerpunkt hat. Die Forschungsförderung dieser Stiftung halte ich für sehr gut und wichtig, da über diese Mittel momentan sehr viel Grundlagenforschung läuft – auch für HIV II und nicht nur für HIV I. Mehr darüber kannst Du hier nachlesen.

      Bester Gruß,
      tomate

      1. Hallo tomate,

        ich bin einfach mal so gemein und poste nur ein paar Links zu Artikeln/Reviews zu Zell-/Gentherapie und HIV. Ganz gelesen hab ich die auch nicht, aber vielleicht ist es ja interessant:

        Engineering T Cells to Functionally Cure HIV-1 Infection
        https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4817793/

        Landscape review of current HIV ‘kick and kill’ cure research – some kicking, not enough killing
        https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5576299/

        Genome-Edited T Cell Therapies (etwas allgemeiner)
        https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5445182/

        Ich bin mir selber etwas unsicher ob die CRISPR-Sache nicht bald ziemlich viel und auch teilweise unreguliert Fahrt aufnimmt. Gerade in Schwellenländern sind diese Ansätze sicher verlocken und wahrscheinlich auch günstiger. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sich dort schnell ein Markt entwickelt der wenig auf regulierte Forschung setzt. Damit meine ich noch nicht einmal große Pharmaunternehmen.

        Viele Grüße,

        martin

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