Das Stigma seid ihr

HIV und Stigma ist eine niemals endende Geschichte. Lange habe ich darüber nachgedacht, was das Stigma für mich bedeutet und über die Jahre habe ich natürlich verschiedenste Diskriminierung aufgrund HIV erfahren (diese aufzuzählen wäre müßig). Viele Gespräche mit anderen positiven Menschen, Diskussionen mit auf Twitter und in anderen Medien, Vorträge von Expert*innen und natürlich meine eben angesprochene eigene Erfahrung brachten nicht so wirklich ein Ergebnis, denn das was ich sagen will, dafür fehlten mir die Worte. Bis jetzt.

Ich habe einer Lesung von Martin Dannecker beiwohnen dürfen, in der er aus seinem Buch „Fortwährende Eingriffe – Aufsätze, Vorträge und Reden zu HIV und AIDS aus vier Jahrzehnten“1Fortwährende Eingriffe – Dannecker, Martin – Taschenbuch, 232 Seiten – Männerschwarm Verlag 2019 ISBN 9783863002718.
Auch als kostenfreier Download bei der Deutschen Aidshilfe
gelesen hat. Dank seinem ersten gelesenem Text aus dem Jahr 1986 „AIDS und die Homosexuellen“, der im übrigen auch dieses Jahr geschrieben hätte werden können, finde ich endlich die Worte, die ich so lange gesucht habe.

Bevor ich ein wenig aushole, noch eine Vorbemerkung: Was ich nun beschreibe und erzähle, trifft nicht auf alle Menschen zu, vor allem nicht auf diejenigen, die sich mit HIV, der Ansteckungsmöglichkeiten und Prävention von Ansteckungen auseinander gesetzt haben und oft selbst queer sind. Für diejenigen mag es aber trotzdem interessant sein, die folgenden Zeilen zu lesen. Wie immer gilt: Fühlst Du dich von den Dingen, die ich hier schreibe angesprochen und unangenehm berührt, dann reflektiere Dein Unwohlsein. Es ist zu unser aller Bestem.

Ich hole also ein wenig aus: Sehr oft, wenn ich Menschen erzähle, dass ich HIV positiv bin, bekomme ich „den Blick„. „Der Blick“ besteht aus ehrlichem Mitleid, denn die Person glaubt, dass ich demnächst an AIDS sterben werde und Ekel, denn ich hatte 1. Sex mit einem Mann und 2. habe ich mich auch noch in den Arsch ficken lassen. Natürlich liegt die Person halb falsch, denn ich werde nicht an AIDS sterben sondern bei meinem Lebenswandel eher an eine Herzinfarkt. Die Person weiß gar nicht, dass HIV Positive mit ihren Medikamenten sehr gut und lange leben können. Der zweite Teil des Blicks ist es, auf den ich nun meine Aufmerksamkeit lege.

„AIDS ist eine Metapher des laxen Umgangs mit der Sexualität“ schrieb Martin Dannecker in seinem Aufsatz „AIDS und die Homosexuellen“ 1985 und das ist es auch, was nach wie vor in dem Ekel Ausdruck findet. Ich bin eklig, denn ich habe mich entschieden, meine Sexualität (schwul) frei zu leben, auszuleben (in den Arsch!) und dabei noch nicht einmal ein Kondom zu verwenden (Verhüten kann er auch nicht). HIV/AIDS ist in ihren Augen die Strafe dafür, dass ich schwul bin, weil ich nicht spure, nicht ihrer Sexualmoral folge leiste. Martin hat die ganzen Zusammenhänge in seinem Aufsatz viel besser dargelegt als ich es je könnte ich bin nur froh, dass ich endlich verstehe, dass es die Metapher, die Erzählung AIDS ist, die das Stigma bewirkt.

Das Stigma HIV und die Diskriminierung schwuler Männer gehen Hand in Hand – ohne letzteres würde das Stigma wohl ganz anders aussehen, wenn es denn überhaupt eines gäbe. Für mich gilt nach wie vor: wenn wir das Stigma HIV los werden wollen, müssen wir auch die Bewertung von ausgelebter Sexualität loswerden. So lange ihr nicht darauf klar kommt, dass sich Menschen nun mal in den Arsch ficken, werdet ihr auch nicht auf HIV klar kommen, denn das ist die erste Erzählung, die den meisten Menschen einfällt, ob sie wollen oder nicht. Das Stigma seid ihr.

Nachtrag 15.08.2021: Von oben genannter Lesung gibt es den Mitschnitt auf YouTube

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    Fortwährende Eingriffe – Dannecker, Martin – Taschenbuch, 232 Seiten – Männerschwarm Verlag 2019 ISBN 9783863002718.
    Auch als kostenfreier Download bei der Deutschen Aidshilfe